JA 

JA – den gab es!

Es war der 4. August 2020, diesen Tag werde ich wohl nie vergessen. Wir Presbyter, also die Mitglieder der Gemeindeleitung wurden per E-Mail zu einer dringenden Sondersitzung eingeladen.

Sondersitzungen sind nichts ungewöhnliches, wenn es sich um komplexe Themen handelt, für die in normalen Sitzungen die Zeit nicht reicht. Doch eine „dringende Sondersitzung“ in den Sommerferien war schon sehr ungewöhnlich. Da der Grund für die Sitzung nicht genannt wurde gab es wohl allerlei Spekulationen. Es konnte eigentlich nur zwei Gründe dafür geben, so dachte ich. Entweder unsere Gemeinde war Pleite und es müssten unaufschiebbare Entscheidungen getroffen werden, oder unser junger Pfarrer hat sich nach nur zwei Jahren eine andere Gemeinde gesucht und würde uns dies heute mitteilen.

Doch was dann kam hat mich zutiefst geschockt, rückblickend war es wohl der Beginn eines Tsunamis, der über unsere Gemeinde hereinbrach.
Seit dem befindet sich unsere Gemeinde in einer Zerreißprobe. Jeder wünscht sich, das wir das überstehen, sicher ist es aber nicht.

LICHT ins DUNKEL

Nach dem ersten Schock kamen weitere neue Schrecklichkeiten und viel Schmerzvolles ans Licht. Ein Sitzungsmarathon folgte, Supervision für das Presbyterium um das alles irgendwie zu verarbeiten. Die Frage der Schuld, auch der persönlichen, drückte schwer (Schuld, nicht im juristischen Sinn, sondern im geistlichen Sinn, unsere Schuld vor Gott). Wie war es möglich, dass sich das Böse über so lange Zeit mitten unter uns ungehindert austoben konnte? Die Zukunft unserer Gemeinde, wird auch davon abhängen ob und wie wir hier eine Antwort finden.

Doch das ist ja nur die eine Seite, auf der anderen stehen die Opfer. Es reicht ja nicht, nur davon zu wissen. Missbrauch, egal welcher Art, hinterlässt tiefe Wunden und Verletzungen, die ein ganzes Leben beeinflussen können. Ob es die falschen Sätze, die man als Kind von den Eltern oder in der Schule hört oder sexualisierte Gewalt an einem vermeintlich sicheren Ort sind. Die Folgen sind oftmals so dramatisch das sie die Seele zerstören können.

Persönlich kenne ich keines der Opfer, doch wünsche und bete ich für wirkliche Heilung und Wiederherstellung, weil ich zutiefst glaube, das Jesus heilen kann und möchte. Wir Presbyter, außer den Mitgliedern des Krisenstabes, wissen nicht viele Details. Doch Frau Fricke (Kirchenrätin & Beauftragte der EKvW für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung Landeskirchenamt) hat uns anonymisiert einige Aussagen vorgelesen. Eine hat mich sehr berührt. Ein junger Mann berichtete, es wäre immer sein größter Wunsch gewesen, Lehrer zu werden, sein Traumberuf. Dann hat er aber irgendwo gelesen oder gehört, dass Menschen, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind, oftmals ebenfalls zu Tätern werden könnten. Da hat er dann seinen Traumberuf begraben. – Was für eine Tragik. Vielleicht wäre er ein guter Lehrer geworden, vielleicht war es seine Lebensaufgabe und Berufung anderen jungen Menschen etwas von dem Guten, Wahren und Schönen des Lebens weiterzugeben. Und jetzt?

Bleib am Leben

Einige Tage später war ich im Gebet und diese Geschichte stand mir vor Augen und ich musste weinen, irgendwie spürte ich all den Schmerz und das Leid. Doch ich konnte nichts tun. Da kamen mir folgende Worte in den Sinn, sie sind aus einem der schönsten Kapitel aus dem Alten Testament, Hesekiel 16, Gott der Vater spricht zu Jerusalem:

„Bei deiner Geburt, am Tag, als du geboren wurdest, wurde deine Nabelschnur nicht abgeschnitten, du wurdest zur Reinigung nicht mit Wasser abgewaschen, nicht mit Salz eingerieben, nicht in Windeln gewickelt. Kein Auge zeigte dir Mitleid, um dir eines von diesen Dingen zu tun, um sich deiner zu erbarmen, sondern du wurdest auf das freie Feld hingeworfen, weil man dich verabscheute am Tag, an dem du geboren wurdest. Doch dann kam ich an dir vorüber und sah dich in deinem Blut strampeln; und ich sagte zu dir in deinem Blut: Bleib am Leben!“

Nein, nicht Menschen und meinen sie es noch so gut haben das letzte Wort. Gott hat das letzte Wort und er sagt: Bleib am Leben!

Damit ist nicht ein „irgendwie Überleben“ gemeint, sondern ein Leben in Fülle, ein Leben, wie es sein sollte und gedacht war.

Möge das den Opfern geschehen, und möge er unserer Gemeinde gnädig sein, dafür bete ich.

Aus dem DUNKEL ans LICHT

Nur das, was an Licht kommt, kann auch wieder Heil werden. Nur wer mit Schmerzen zum Arzt geht, dem kann geholfen werden. Ein gebrochener Arm muss gerichtet werden, sonst wächst er falsch wieder zusammen, schmerzt und behindert ein Leben lang. Dieses Richten der Knochen kann äußerst schmerzhaft sein. Habe das selbst oft erfahren müssen. Das Pflaster auf einer blutenden Wunde mag zunächst hilfreich sein, doch wenn es zu lange bleibt, kann die Wunde eitern. Doch was heißt das für uns als Gemeinde oder Gemeindeleitung? Wenn wir mit dem Mund bekennen, dass Jesus unser „Schuldenmeister“ ist, sollten wir das auch mit dem Herzen tun. Nicht die andern, der/die Eine, die Umstände, die Zeit, das System ist Schuld. Das alles trennt und spaltet und macht es nur noch schlimmer. Nein, nur im Licht Gottes, werden wir erkennen wie und wo wir versagt haben. Das ist schmerzhaft aber nötig. Die Bibel nennt das Gericht. Wir werden wieder neu gerichtet, ausgerichtet auf IHN.

Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. – 1Joh 1,9

Ja, das tut er.

Und die Opfer? 

„Tut uns Leid“, „Ist halt passiert“, „Ist ja schon lange her“, „Die Zeit heilt alle Wunden“ usw. Wir kennen diese Sprüche. Sie helfen  nichts. Sind allenfalls ein billiger Trost für Unverständige. NEIN – Die Zeit heilt keine Wunden. Das ist eine Illusion. Gott heilt Wunden und manchmal bedient er sich dabei Menschen, die verstehen worum es geht und ein Herz für diese Not haben. Als Christen bekennen wir den Ewigen (einer der Namen Gottes). Was heißt das? Nun, Gott denkt und empfindet nicht in solchen Zeitdimensionen wie wir. So wie für uns „der Augenblick“, das „Jetzt“, die  „Gegenwart“ präsent sind, ist vor Gott alle Zeit präsent. Wir können nicht in dieser Dimension denken. Aber für Gott sind die Ereignisse von vor 10, 20 Jahren wie ein „Jetzt“.  

ER sieht es, es schmerzt IHN, macht IHN traurig – ER will helfen und heilen!

Wir Presbyter beten dafür, das sich für die Opfer Türen öffnen und Wege zeigen, die zur Heilung und Wiederherstellung führen.

Ein Presbyter

 

Aber auch für die Opfer ist es hilfreich ihre Not, Verletzungen, Demütigungen ihren Schmerz in einem vertraulichen Gespräch ans Licht zu bringen.

Folgende Ansprechpersonen stehen dafür bereit:

Ansprechperson für Betroffene:

Daniela Fricke
Kirchenrätin & Beauftragte der EKvW für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung Landeskirchenamt
Telefon: 0521 594-308
E-Mail: daniela.fricke@ekvw.de

Ansprechperson im Ev. Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg:

Pfarrer Dr. Christof Grote
Superintendent
Telefon: +49 (0)2351 / 1807-80
E-Mail: Christof.Grote@kk-ekvw.de

Ansprechperson in der Ev. Kirchengemeinde Brügge:

Pfarrer Simon Schupetta
Telefon: +49 (0) 23 51 / 4 32 80 60
E-Mai:l simon.schupetta@kk-ekvw.de

Bisher veröffentlichte Pressemitteilungen zum Missbrauchsfall:

Nachdem wir im Sommer 2020 erfahren mussten, dass es jahrzehntelang sexualisierte Gewalt in unserer Gemeinde gab, waren wir extrem bestürzt.

Wir sind aber auch dankbar, dass Licht in die teuflische Dunkelheit kam. Seitdem sind die Aufarbeitung dieser sexualisierten Gewalttaten, die Kommunikation mit den Betroffenen, die Gründe, wie es zu allem kommen konnte und was wir alles in Zukunft ändern und tun müssen, um solche Taten zu verhindern, große Themen für uns.

Als Gemeinde wollen wir im Licht Gottes leben!

Wenn Sie dazu mehr wissen möchten, stehen Ihnen hier mehr Informationen zur Verfügung

(Vorschau anklicken und downloaden als PDF Datei)

26.08.2020

04.09.2020

24.02.2021

21.04.2021

26.09.2021

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