Die christlichen Wurzeln des Antisemitismus

Dr. Guido Baltes

Juden unerwünscht? Wer in letzter Zeit die Nachrichten verfolgt hat, könnte diesen Eindruck bekommen. Der Theologe Guido Baltes begibt sich auf die Spuren des Antisemitismus in unserer christlichen Gesellschaft.

Antisemitismus und Judenfeindschaft sind im Jahr 2021 wieder einmal ganz vorn in den Schlagzeilen. Angestoßen durch islamischen Terrorismus und politisch motivierte Ausschreitungen im Nahen Osten, sammeln sich vor deutschen Synagogen randalierende Banden und fordern die Vertreibung der Juden. Auf offener Straße werden Juden bespuckt oder angepöbelt, in anderen europäischen Ländern auch ermordet. Und das nur, weil sie Juden sind. Politiker und Kirchenleiter, aber auch muslimische Dachverbände, haben lautstark gegen jede Form des Antisemitismus ihre Stimme erhoben. Das ist gut.

Antisemitismus ist Frucht des Christentums

Aber ein wirksames Vorgehen gegen Antisemitismus muss tiefer ansetzen: Gerade Christen in Deutschland müssen sich der Tatsache stellen, dass es über Jahrhunderte gerade die Christen waren, die Vorurteile und Hass gegen Juden geschürt haben. Der moderne Antisemitismus ist eine Frucht eines noch immer tiefsitzenden, traditionellen christlichen Antijudaismus: einer Feindschaft gegenüber dem Judentum, die religiös begründet wird und sich dabei sehr oft ausgerechnet auf einen Juden beruft – Jesus von Nazareth.

Jesus war ein Jude. Das weiß heute jedes Kind. Selbstverständlich ist es aber deshalb noch lange nicht. Zwar verfasste Martin Luther noch 1523 als junger Mann eine Schrift mit dem Titel „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“, aber die Betonung lag dabei auf dem Wörtchen „geboren“: Völlig klar war für christliche Theologen bis in die Neuzeit hinein, dass Jesus zwar als Jude geboren wurde, sich aber dann vom Judentum abwandte, um die christliche Kirche zu begründen und das Judentum zu bekämpfen. Gott selbst, so die Folgerung, habe sein erwähltes Volk Israel verworfen und enterbt und die Kirche an seine Stelle gesetzt.

Judenfeindschaft als Ventil

Ernest Renan, der Urvater moderner Jesusbiographien, zeichnete in seinem 1863 erschienenen Roman Jesus als Juden aus frommem Elternhaus, der sich zunächst als Reformer des Judentums sah, sich dann aber enttäuscht von einer verknöcherten und gesetzlichen Religion abwandte und zum „Zerstörer des Judentums“ wurde. Natürlich erfüllte dieser konstruierte, populäre Jesus gleich zweierlei Aufgaben: Zum Ersten befeuerte er den neu entstehenden politischen und rassischen Antisemitismus in Deutschland. Zum Zweiten aber konnte dieser antireligiöse Jesus zugleich als Waffe gegen ein allzu frommes und rechtgläubiges Christentum zu Felde geführt werden. Der Kampf von Jesus gegen das Judentum war zugleich der Kampf des modernen Menschen gegen die Kirche. Wie so oft in der Geschichte wurden die Juden zum Sündenbock gesellschaftlicher Probleme gemacht, für die sie in keiner Weise verantwortlich waren, und sie wurden zum Opfer von Konflikten, an denen sie gar nicht beteiligt waren.

Siebzig Jahre später nannte der weltbekannte Tübinger Theologieprofessor Gerhard Kittel das Neue Testament das „antijüdischste Buch der ganzen Welt“. Bekämpfen wollte er eigentlich den Kommunismus, den Amerikanismus und den Liberalismus. Aber die Juden dienten als willkommenes Feindbild, das hinter all diesen Schreckgespenstern der Neuzeit die geheimen Strippen zog. Jesus dagegen, so dachten viele Christen, stellte sich dem Judentum mutig entgegen.

Eine neue Brille aufsetzen

Natürlich gab es immer schon auch andere Stimmen. Nur wurden sie selten gehört oder gerne als naiv abgetan. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges setzte, zusammen mit dem Erschrecken über den Holocaust und die Blindheit der Kirche, ein Prozess des Umdenkens ein. Jüdische Forscher wie Joseph Klausner, Martin Buber und Leo Baeck hatten schon früher ein Bild von Jesus gezeichnet, das ihn ganz und gar, zeit seines Lebens, als gläubigen Juden zeigte.

Der beginnende jüdisch-christliche Dialog der Nachkriegszeit führte zu einer weiteren Annäherung: Tief sitzende Vorurteile über den jeweils anderen wurden nach und nach aufgearbeitet. Zusammen studierte man die altbekannten Quellentexte, Talmud und Midrasch, die erst jetzt nach und nach in deutscher Sprache zugänglich wurden. Ganz neue Schriftfunde, wie etwa die 1947 entdeckten Schriftrollen von Qumran am Toten Meer, öffneten neue Zugänge in die Welt des Judentums zur Zeit von Jesus.

Nach und nach entstand ein neues, anderes Bild des Juden Jesus. Ein Bild, das von jüdischen und christlichen Forschern gemeinsam entworfen wurde und das Jesus nicht als Gegner des Judentums, sondern als einen seiner wichtigsten Vertreter darstellt.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Natürlich war das Judentum zur Zeit von Jesus genauso vielfältig wie das Christentum heute. Es gab Gruppen ganz unterschiedlicher Prägung und Überzeugung. Und keiner davon lässt sich Jesus ganz eindeutig zuordnen. Mit den rabbinischen Weisen etwa, wie wir sie aus Talmud und Midrasch kennen, verbindet ihn seine Art zu lehren. Gleichnisse von Arbeitern im Weinberg, vom großen Hochzeitsfest oder vom König und seinen Schuldnern wurden auch von anderen jüdischen Lehrern erzählt, wenn auch oft mit einer anderen Pointe. Dass die Nächstenliebe das höchste Gebot ist, lehrte auch Rabbi Akiba. Und mit der goldenen Regel „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ (so ähnlich in Matthäus 7,12) fasste bereits Hillel die ganze Thora zusammen. Die Dreiheit von Fasten, Almosen und Gebet, die in der Bergpredigt eine zentrale Stellung hat, entspricht dem jüdischen Brauch, sich auf den großen Versöhnungstag im Herbst vorzubereiten. Und „das Reich Gottes annehmen“ (vgl. Markus 10,15 und Lukas 18,17) ist in der rabbinischen Literatur eine tägliche Verpflichtung.

In anderen Punkten jedoch unterschied sich Jesus von den Rabbinern und gleicht eher dem, was wir aus der Gemeinschaft der Essener von Qumran kennen: das Leben in einer Männergemeinschaft statt in einer Familie. Regelmäßige Gemeinschaftsmahle. Ähnlich ist auch die konsequente Ausrichtung auf das bevorstehende Gericht und die kommende Herrschaft des Messias. Jesus lässt sich in keine bestimmte Schublade einordnen. In manchen Fragen, zum Beispiel in der Auslegung der Sabbat- und Reinheitsgebote, gerät Jesus mit anderen Juden in heftige Konflikte. Aber anders als in früheren Zeiten verstehen wir solche Konflikte heute nicht mehr als einen Angriff auf das Judentum als Ganzes oder als einen Abschied vom Judentum. Sondern wir verstehen, dass Jesus als ein Jude mit anderen Juden darüber redet, wie die Schrift verstanden und ausgelegt werden soll. Wir versuchen nicht mehr herauszufinden, was Jesus am Judentum auszusetzen hat. Sondern wir versuchen herauszufinden, wie er Judentum versteht – und was es für uns bedeutet, dass Jesus ein Jude war und nie aufhörte, einer zu sein.

Die verborgene Theologie von Jesus

Warum spielt es eine Rolle, dass Jesus ein Jude war? Ändert es etwas an dem, was er gesagt oder getan hat? Die Antwort ist: Ja, es ändert alles.

Denn nur wenn wir verstehen, dass Jesus in einer langen Geschichte jüdischer Tradition steht, können wir seine Worte in ihrer ganzen Tiefe verstehen. Es ist wie bei einem Eisberg: Die Worte und Taten von Jesus im Neuen Testament sind das, was über der Oberfläche zu sehen ist. Aber darunter verborgen liegt der weit größere Teil dessen, was Jesus nicht sagt, was aber dennoch Teil seiner Botschaft ist. Es ist die lange Geschichte des Volkes Israel, die wir im sogenannten „Alten Testament“ finden, in der Bibel des Judentums und der Bibel von Jesus. Die wichtigsten Grundlagen des Glaubens werden hier gelegt. Und sie werden im Neuen Testament ganz selbstverständlich vorausgesetzt, ohne noch einmal ausführlich erzählt zu werden. Zum Beispiel, dass Gott die Welt geschaffen hat und dass er einen Bund der Treue mit der Menschheit geschlossen hat. Die Erfahrung, dass es nur einen Gott gibt und dass dieser Gott „gnädig und barmherzig, geduldig und von großer Güte“ ist (2. Mose 34,6 und öfter). Das Wissen darum, dass der Gott Israels einen Plan des Segens nicht nur für Israel, sondern für alle Völker der Welt hat. Und so weiter.

Das ABC des Glaubens hat Jesus nicht mehr einzeln durchbuchstabiert. Er hat es vorausgesetzt, weil seine Zuhörer es kannten. Für uns, die wir mit der jüdischen Tradition nicht so vertraut sind, ist es deshalb gut, nicht nur Jesus zu kennen, sondern auch das ABC des jüdischen Glaubens.

Die Verbindungslinien erkennen

Je vertrauter wir mit der jüdischen Tradition sind, desto eher und desto häufiger werden wir im Neuen Testament die vielen Brücken und Verbindungslinien erkennen, die in diese Welt hineinführen. Manchmal bestehen sie nur aus versteckten Anspielungen: aus kurzen Bibelzitaten, aus bedeutsamen Namen, Orten oder Gesten.

Wenn zum Beispiel in der Weihnachtsgeschichte von „Bethlehem, der Stadt Davids“ die Rede ist, dann sind das erst einmal nur zwei Namen. Die Namen erzählen aber im Judentum eine große Geschichte: Die Geschichte von Israels König, dem ein ewiges Königreich verheißen wird und ein Nachkomme, den Gott selbst seinen Sohn nennen wird. Erst diese Geschichte gibt dem unscheinbaren Geschehen um die Krippe herum seine tiefe Bedeutung.

Wenn Jesus im Jordan getauft wird, ist das erst einmal nur eine Ortsangabe. Wer aber die Bibel und die jüdische Tradition kennt, der weiß, dass damit an den Auszug aus Ägypten, die Teilung des Schilfmeers und an den Einzug ins verheißene Land erinnert wird: Eine Geschichte von Errettung und Neuanfang, die sich jetzt in Jesus fortsetzt.

Auch die jüdischen Feste und ihre Symbolik liefern im Neuen Testament immer wieder Hinweise auf tiefere geistliche Wahrheiten: Warum stirbt Jesus an einem Passahfest? Weil es in der jüdischen Tradition das Fest der Erlösung ist. Und weil das Blut des Passalammes das Gericht Gottes abwendet. Warum wird Jesus mit Palmzweigen und Hosiannarufen begrüßt? Weil am jüdischen Laubhüttenfest mit Palmzweigen und Hosiannarufen der Ausblick auf die messianische Heilszeit gefeiert wird. Warum wird der Heilige Geist an Pfingsten ausgegossen? Weil das jüdische Pfingstfest an den Bund Gottes erinnert, der hier erneuert wird. Je vertrauter wir mit dem jüdischen Glauben und der jüdischen Welt von Jesus sind, desto besser werden wir verstehen, wie tief das Neue Testament darin verwurzelt ist.

Kein Spezialthema

Die Auseinandersetzung mit dem Judentum darf kein Spezialthema für Israel-Liebhaber, Religionswissenschaftler, Geschichtslehrer oder Politikexperten sein. Sie gehört in die Mitte unserer Gesellschaft und in die Mitte unserer christlichen Gemeinden. Mindestens vier Gründe sprechen dafür:

Erstens: Die Begegnung mit dem jüdischen Jesus hilft uns, unser Neues Testament besser zu verstehen. Nicht nur auf die Spitze des Eisbergs zu schauen, sondern auf den reichen Schatz jüdischer Geschichte, Erfahrung und Weisheit, der darunter verborgen ist und auf den das Neue Testament zurückgreift.

Zweitens: Die Begegnung mit dem jüdischen Jesus hilft uns, Zerrbilder vom Judentum zu überwinden und zu vermeiden. Immer noch haben wir in unseren Köpfen das Bild von einem Jesus, der nicht nur einzelne jüdische Gegner, sondern das ganze Judentum bekämpft. Der den „strafenden Gott“ des Judentums durch den „liebenden Vater“ ersetzt. Der die „Gesetzlichkeit“ des Judentums durch die das Prinzip der Liebe und Freiheit ersetzt, indem er bewusst den Sabbat oder Reinheitsgebote bricht. Der „Rassismus“ und „Fremdenfeindlichkeit“ des Judentums überwindet, indem er mit einer Samariterin und einem Römer redet und eine syrische Frau heilt. Der die „starre Religiosität“ des Judentums überwindet, indem er die Händler aus dem Tempel treibt. Das alles sind alte antijüdische Klischees, die sich bis heute vielfach in christlichen Predigten finden. Würden wir uns Zeit nehmen, mit Juden darüber zu reden, würden wir schnell erkennen, wie falsch diese Klischees sind.

Drittens: Die Begegnung mit dem jüdischen Jesus bewahrt uns davor, einem deutschen Jesus oder einem (post)modernen Jesus hinterherzulaufen. Die Geschichte des Antisemitismus und die Geschichte der Jesusforschung lehrt uns, wie schnell wir uns ein Bild von Jesus basteln, das in unsere Zeit hineinpasst, unsere Feindbilder bedient und unsere Wünsche erfüllt. Aber die jüdische Welt Jesu ist ganz anders als unsere moderne christliche Welt. Und gerade deshalb ist sie wichtig, um unseren christlichen Tunnelblick zu korrigieren. Jesus, der Jude aus einer anderen und fremden Zeit und Kultur, kann uns helfen, unsere eigene Zeit und Kultur kritisch zu betrachten und gerade auf das zu hören, was uns sperrig, unbequem und herausfordernd erscheint.

Viertens: Die Begegnung mit dem jüdischen Jesus baut Brücken für das Verständnis und die Begegnung mit Jüdinnen und Juden heute. Erst dann, wenn wir dem Antisemitismus in unserer eigenen christlichen Tradition und in den Abgründen unseres eigenen Herzens ins Auge sehen, wenn wir uns vertraut machen mit der Realität jüdischen Lebens und Glaubens heute, und wenn wir anfangen, das Gespräch mit jüdischen Nachbarn, Freunden und Gemeinden zu suchen, können wir dauerhaft und glaubwürdig dazu beitragen, Antisemitismus und Rassismus in unserer Gesellschaft und unserer Umgebung zu überwinden und zu bekämpfen.

Dr. Guido Baltes

Dr. Guido Baltes

Dr. Guido Baltes, in unserer Gemeinde kein Unbekannter, unterrichtet Neues Testament am MBS Bibelseminar in Marburg und ist Lehrbeauftragter für Neues Testament an der Philipps-Universität Marburg und der Evangelischen Hochschule Tabor. Von ihm stammen die Bücher „Jesus, der Jude … und die Missverständnisse der Christen“ und „Die verborgene Theologie der Evangelien: Die jüdischen Feste als Schlüssel zur Botschaft Jesu“.

Mehr Empfehlenswertes von Dr. Guido Baltes:

Mit freundlicher Genehmigung. Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Faszination Bibel erschienen. Faszination Bibel wird vom SCM Bundes-Verlags herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

Kontakt: Ev. Kirchengemeinde Brügge Lösenbach

Ort:
Halverstraße 3 - 58515 Lüdenscheid
Bürozeiten:
Dienstag - Freitag: 9:00 - 12:00 Uhr

Gemeindesekretärin Ruth Paetz:
Telefon: +49 23 51 - 71347
Telefax +49 23 51 - 97 31 14
g-buero@ev-kirche-bruegge.de

Pfarrer Simon Schupetta:
Sprechzeit nach Vereinbarung-
Telefon: +49 23 51 - 432 80 60
simon.schupetta@ekvw.de

Gemeindepädagogin Sabine Drescher:
Sprechzeit nach Vereinbarung
Telefon: +49 23 51 - 60269
s.drescher@ev-kirche-bruegge.de

X